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Auf diesen Seiten veröffentlichen wir Reiseberichte von
unseren (Mit)-Paddlern.
Schickt uns einfach Eure Berichte, Erzählungen, Fotos, etc. egal in
welcher Form (Email, Papier, Fax) und wir bringen sie ins Internet.

Kanuurlaub in Schweden
Verfasser: Volker
Beiswanger
"Ich fahre in meinem kommenden Urlaub zwei Wochen
nach Schweden zum Kanufahren", berichtete mir mein Kollege Helmut
Schmidtner in der Mittagspause. 1290,--DM solle das Ganze inklusive Fahrt,
Verpflegung, Reiseleitung, Leihkanus sowie einem Besuch des Musicals
Phantom der Oper in Hamburg kosten.
Ein Geldbetrag, der durchaus auch noch mit einem kargen Beamtengehalt
finanzierbar wäre, dachte ich. Ich bat deshalb meinen Kollegen um nähere
Informationen.
Er sagte, er habe den Urlaubstipp aus dem Programmheft der Volkshochschule
Stuttgart erhalten. Fern ab vom Stress der Städte würde man, so
versprach die Beschreibung, Natur pur erleben können. Das Seengebiet
Dalsland/Nordmark in Schweden gehöre mit seiner sauberen Luft, seinem
klaren Wasser und seiner üppigen Natur zu den schönsten Seenlandschaften
Europas.

Diese Seenlandschaft sei durch Flüsse, kurze Kanäle und
Schleusen miteinander verbunden und könne deshalb mit Kanus hervorragend
entdeckt und erkundet werden. Man wolle gemeinsam in abgelegenen Buchten
und Inseln zelten, dort gemeinsam kochen, am Holzfeuer sitzen und mit der
Gruppe neben dem Kanufahren gemeinsam wandern, schwimmen, spielen und
singen.
Ein Vortreffen im Barfüßer (nebenbei gesagt handelt es sich dabei um
eine Lokalbrauerei mit einem herrlichen Biergarten direkt an der Bodensee) in
Neu-Ulm diente zum Kennenlernen der Mitreisenden und zum Austausch
weiterer Informationen. Hierbei hat mich erstaunt, dass auch sehr viele
Frauen ihren Kosmetikkoffer gegen einen wasserdichten Packsack und dessen
Inhalt gegen eine biologisch abbaubare Outdoorseife tauschen wollten und
bereit waren, sich den typisch männlichen Aufgaben von Natur und
Abenteuer, Wildnis, Wetter und Seefahrt zu stellen.
Die Fahrt nach Schweden und zurück sollte mit Privat - PKW's unternommen
werden, wobei der Besitzer des Fahrzeugs pro Mitfahrer 250,-- DM auf
seinen Reisepreis gutgeschrieben bekam, einem Angebot, mit dem man bei
drei Mitreisenden trotz der vielen Kilometer und der hohen Benzinpreise in
Dänemark und Schweden durchaus leben konnte.
Mein Kollege Helmut und ich einigten uns aufgrund unserer Weltoffenheit
und der zukünftigen Fusion mit der LVA Baden darauf, eine
Fahrgemeinschaft mit zwei Menschen aus dem Gelbfußlande einzugehen, um
beurteilen zu können, ob ein friedliches Zusammenleben mit diesem, bisher
uns fremden Volksstamm möglich ist.
Um es vorweg zu nehmen, es ist möglich und dies selbst unter ganz
extremen Situationen wie mit dem Auto bei hohen Temperaturen im Stau
stehen, nach 2-tägiger Abstinenz von sämtlichen Arten der Körperreinigung
und dem vorherigen Genuss knoblauchhaltiger Speisen.
Doch Stopp, alles der Reihe nach.
Sonntag, 1.8.1999, Treffpunkt 8.30 Uhr vor dem Kölle-Zoo in
Stuttgart-Zuffenhausen (weil der von der Autobahnausfahrt aus einfach zu
finden ist), alles Gepäck verpackt in wasserdichte Packsäcke und
Kunststofffässer, das Wetter herrlich, die Urlaubslaune ebenso. Ein
hellblauer Toyota Carina Kombi mit Karlsruher Kennzeichen kam angefahren,
mit seinem Fahrer Gerhard und seiner Copilotin Gerlind (auf das fehlernde
"e" am Ende legte sie Wert). Kurze Begrüßung, Gepäck verstaut
und ab ging's Richtung Hamburg, dem Etappenziel und Treffpunkt der
gesamten Reisegruppe auf einem Campingplatz am Stadtrand, der zur
Einstimmung gleich neben dem unmöglichen Möbelhaus aus Schweden gelegen
war.
Nach dem Abendessen, bei dem es gute, echt schwäbische Maultaschen bis
zum Abwinken gab, gingen die Musicalfans ins Phantom der Oper und die
anderen in die Stadt und dort, wie es sich für einen Hamburgtouristen gehört,
nach Sankt Pauli auf die Reeperbahn.
Nach einem Spätimbiss (zur Abwechslung gab es kalte, echt schwäbische
Maultaschen) auf dem Campingplatz ging es ab in die Zelte.
Nach einem guten Frühstück, welches auf Wunsch durch gute schwäbische
Maultaschen in der Brühe zu einem Brunch erweitert werden konnte, trennte
man sich wieder und die bereits eingeschworenen PKW-Teams mussten sich an
diesem Tag durch den Rest von Deutschland sowie durch ganz Dänemark bis
an sein nördliches Ende, nach Frederikshavn durchkämpfen.
Das badenwürttembergische (oder schreibt man das Wort doch noch mit einem
Bindestrich?) Reisschüsselteam ging diese Aufgabe gelassen an. Man nahm
sich Zeit für einen ausgedehnten Badeaufenthalt am Horsens-Fjord an der
Ostsee und auch für eine Stadtbesichtigung von Arhus inklusive Abendessen
blieb noch Zeit, schließlich mussten nur noch ca. 180 km bis zur Fähre
in Fredrikshavn zurückgelegt werden, eine Distanz, für die man zwei
Stunden einrechnete.
Unterwegs belehrte uns jedoch ein einschlägiges Verkehrsschildes, dass
wir versehentlich 40 Entfernungskilometer bei unserer Planung
unterschlagen hatten. Der plötzlich entstandene zeitliche Engpass konnte
glücklicherweise wieder ausgeglichen werden, weil die auf unserer Straßenkarte
aus dem Jahre 1977 (man fährt ja nicht alle Jahre in den hohen Norden)
eingezeichneten Landstraßen mittlerweile größtenteils zu Autobahnen
mutiert waren. Dadurch war ein zügigeres Vorwärtskommen möglich und der
Fährhafen in Fredrikshavn konnte am Ende doch noch pünktlich erreicht
werden.
Um Mitternacht legte die Fähre ab in Richtung Göteborg. Die Übernachtung
an Deck im Schlafsack war kurz, windig, kühl und unbequem. Statt schlafen
war nur dahindösen möglich und man war froh, dass bereits nach drei
Stunden die vielen Lichter der Großstadt Göteborg zu sehen waren.
Von Göteborg aus waren nur noch rund 160 km in den Morgen hinein bis zu
unserem Treffpunkt, dem Lagerplatz in Skifors zurückzulegen.
Auf dieser Fahrt hatten wir auch bereits den ersten Kontakt mit Elchen,
welche offensichtlich vom schwedischen Fremdenverkehrsamt auf
630-Kronenbasis den Auftrag hatten, sich für die Touristen möglichst
fotogen am Waldrand aufzustellen.
Auf dem Lagerplatz schlug man die Zelte auf und tankte noch eine Mütze
voll Schlaf. Nachmittags wurden dann vom örtlichen Verleiher die Kanus
angeliefert, welche anschließend auch gleich auf einer kleinen Rundtour
auf dem See Svärdlang ausprobiert wurden.

Den Rest des Tages verbrachte man mit Baden, Essen und geradezu
akrobatischen Kennenlernspielen. (nicht mit solchen, wie sie jetzt
meinen!) Man stand auf runden Balken um die Feuerstelle herum und musste
sich ohne abzusteigen alphabetisch nach Vornamen sortieren.
Am nächsten Morgen wurden die Kanus in den See Västra Silen umgesetzt,
das gesamte Gepäck inklusive neuntägigem Proviant für 23 Personen darin
verstaut und alle Fahrzeuge bis auf eines (mit dem fuhren alle Fahrer
wieder zurück) an den Endpunkt unserer Kanutour zum Campingplatz Laxjöns
Friluftsgard gebracht.

Nun hieß es endgültig Abschied zu nehmen vom fließend
warmen Wasser, vom Stromnetz, von Läden und sonstigen Einrichtungen einer
Stadt, von Fließwassertoiletten und vom Schutz vor Kälte und Regen und
von sonstigen Annehmlichkeiten, welche in einem hochzivilisierten Leben
geboten werden. Man tauscht dies ein gegen ein Leben inmitten einer
herrlichen Seen- und Waldlandschaft, übernachtet auf einfachen Lagerplätzen
mit Trockentoilette, gemauerten Feuerstellen, Feuerholz und einem
einfachen Unterstand aus Holz, welche nach dem Kauf einer sogenannten
Naturpflegekarte von jedermann genutzt werden dürfen.
Der Konstrukteur der Unterstände gehört meiner Ansicht nach dazu
verpflichtet, den Rest seines Lebens in seinen Unterständen zu
verbringen. Man zieht sich nämlich an der niedrigen Dachkante regelmäßig
beim Aufstehen blaue Flecken, Beulen oder Platzwunden am Kopf zu. Man kann
auf den heftigen Kontakt mit der Dachkante wütend, schimpfend oder
gelassen reagieren, ganz sicher ist es jedoch noch keinem Nutzer der
Unterstände bisher gelungen, gänzlich auf den schmerzhaften Kontakt mit
der Dachkante zu verzichten.
Vom See Västra Silen machten wir einen Abstecher über die zwei Schleusen
von Krokfors zum See Östra Silen.

Anschließend führte uns unsere Kanutour über die
Schleuse in Gustavsfors zum See Lelang und danach über einen Teil des
Dalslandkanals zum See Laxjon.
Der Dalsland-Kanal wurde von Nils Ericson bereits in der Mitte des 19.
Jahrhunderts erbaut und kann auf einer Länge von 250 km zwischen Vänern
und Stora Le befahren werden. Der Kanal selbst musste auf dieser Strecke
nur wenige Kilometer ausgegraben werden, der Rest dieser Wasserstraße
besteht aus natürlichen Seen.
Zwischen jedem Kanuwandertag lag ein Ruhetag, an dem gewandert,
gefaulenzt, Pilze gesucht, gespielt, gebadet oder Ausflüge mit dem Kanu
unternommen wurden.

Während der zwei Wochen Kanuurlaub hatten wir lediglich zwei Regentage.
Am ersten Regentag, der gleichzeitig ein sogenannter Ruhetag war,
unternahmen vier Personen unserer Gruppe eine 10 km lange Wandertour zum
Gehöft Herrenäs, in der Hoffnung, die Sonne würde sich bald wieder
sehen lassen und wir würden in Herrenäs einen Biergarten antreffen, in
dem wir uns den Luxus eines oder zweier Biere gegönnt hätten.
Um es kurz zu sagen: unsere Hoffnungen erfüllten sich nicht.
Statt unseren Kehlen wurden wir äußerlich durch unsere Regenkleidung
hindurch bis auf die Haut befeuchtet.
Abgeschreckt durch dieses Erlebnis zog ich am nächsten verregneten
Ruhetag knallhart die Konsequenz daraus und verließ mein Zelt nicht,
sondern begann in dieser heimeligen und trockenen Umgebung ein gutes Buch
zu lesen. Dieser angenehme Zustand fand nur dadurch sein Ende weil die
Luft im Zelt infolge des Genusses von Sauerkraut am Vorabend langsam
unerträglich geworden war und weil es mittlerweile zu regnen aufgehört
hatte.
Ein Teil der Gruppe entschloss sich, das schöne Wetter des Spätnachmittags
zu einer halbstündigen Kanufahrt nach Bengtsfors zu nutzen. Im Supermarkt
in Bengtsfors spielten sich Szenen ab, die vergleichbar waren mit denen in
westdeutschen Supermärkten kurz nach der Öffnung des eisernen Vorhangs.
Man wußte gar nicht, was man sich nach einem mehrtägigen Leben aus der
Konserve zuerst gönnen sollte, Speiseeis oder frisches Obst oder einen
leckeren Kuchen oder ein frisches Leichtbier oder einen würzigen Käse
mit frischen Brot?
Der Einfachheit entschied man sich für Alles.
Anschließend bildete man in der Abendsonne vor den Ufern Bengtsfors auf
dem See Lelang ein Kanuknäuel, in dem alle Köstlichkeiten die Runde
machten und jeder von allem probieren durfte.
Eine weitere Abwechslung vom Konservenessen boten geräucherte Lachse,
welche von der Schleusenwärterin in Krokfors verkauft wurden. Dazu gab es
Knoblauchbutter und Stockbrot welches von unserem gelernten Bäcker aus
Brotteig fachgerecht hergestellt und anschließend um einen grünen Stock
gewickelt ins Lagerfeuer gehalten wurde. Diese Delikatessen dürfen
getrost als die kulinarische Krönung unserer Urlaubsreise bezeichnet
werden.
Die mehrstimmigen Gesänge, welche nach diesem Genuss um das Lagerfeuer
herum angestimmt wurden, ergänzt um die metallenen Klänge einer
Mundharmonika, hätten den "Svenska Rundfunkenen" zu einer Liveübertragung
veranlaßt, hätte er nur davon gewusst.
Wir machten uns übrigens einen Spaß daraus "schwedisch" zu
reden, indem wir an die Worte einfach die im schwedischen häufig
verwendete Endung "en" anfügten und anschließend das Gesagte
mit einem überzeugenden "Jo Jo" unterstrichen.
Am Ende unserer Kanutour tauchten wir langsam wieder in die Zivilisation
ein. Wir lernten das Trinkwasser wieder aus dem Wasserhahn zu holen, statt
aus der Mitte des Sees, wir lernten, uns wieder unter der Warmwasserdusche
zu reinigen, welche mit einer Zeitautomatik ausgerüstet ist und den
Wasserfluss gnadenlos abriegelt, egal ob man noch halb eingeseift oder
schon fertig geduscht ist, statt uns am Ufer mit Outdoorseife zu waschen
und wir lernten auch wieder mit dem Auto zu fahren und, nach Deutschland
zurückgekehrt, damit bei hohen Temperaturen im Stau zu stehen, nach 2-tägiger
Abstinenz von sämtlichen Arten der Körperreinigung und dem vorherigen
Genuss knoblauchhaltiger Speisen.
Doch Stopp!

Bevor ich mich wiederhole, möchte ich meinen Bericht über den
Schwedenurlaub im Kanuland Dalsland/Nordmark beenden und all meinen
Leserinnen und Lesern empfehlen, sich auch einmal ein paar Wochen vom
Stress und den sonstigen Widrigkeiten des Arbeitslebens abzukoppeln, um
das Leben in freier Natur zu genießen, ohne auch nur ein einziges Mal ans
"Gschäft" zu denken
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